Notizen zur Tourenausarbeitung durch das Industriegebiet Ehrenfeld/Braunsfeld

- Doppelstadt Ehrenfeld: Das Industrie- und Gewerbegebiet Ehrenfeld/Braunsfeld ist in etwa genauso groß wie die Wohnorte Ehrenfeld und Neuehrenfeld zusammen. Gemeinsam bilden sie fast so etwas wie eine Doppelstadt. So dicht und kleinteilig das Straßennetz und die Parzellenstruktur in der Wohnstadt sind, so grobmaschig sind sie im Industriegebiet. Es erstreckt sich in etwa vom Gürtel bis zur Vitalisstraße und von der Stolbergerstraße bis zur Vogelsangerstraße bzw. im nordöstlichen Zipfel bis an den Bahndamm und die Venloerstraße. Der Kern des Workshopgebiets, also die Gegend rund um Helios- und Lichtstraße, bildet sozusagen den nordöstlichen Ausläufer dieser Zone und gewissermaßen den Bereich, an dem das alte Industriegebiet heute mit der Wohn- und Konsumstadt Ehrenfeld am stärksten in Kontakt kommt. Die folgenden Notizen beziehen sich sämtlich auf das Industrie- und Gewerbegebiet Ehrenfeld/Braunsfeld, durch das meine Tour führte.

- Das Gebiet zeichnet sich gleich auf den ersten Blick durch ein extrem weitmaschiges Straßennetz aus. Stolbergerstraße, Oskar-Jäger-Straße, Widdersdorferstraße, Vogelsangerstraße, Maarweg und Vitalisstraße sind allesamt alte Landwege- und Straßen, die schon im Mittelalter bestanden. Hinzu gekommen sind seitdem lediglich die kurzen Straßen Helios- und Lichtstraße, sowie, ganz im Westen, die Eupenerstraße und, als Privatstraße, die Josef-Lammerting-Allee; außerdem die Sackgassen Grüner Weg (an Stelle eines alten Bahngleises), Kohlen,- Eisen,- und Ölstraße.

- So lose die Maschen des Straßennetzes sind, so dicht war einst die Erschließung des Gebietes durch Bahngleise. Sie waren das eigentliche, verbindende Element, der „Kleister“ in der Struktur. Die Hauptlinien sind bis heute ablesbar, teilweise auch noch begehbar. Bei genauerem Hinsehen ist auch die Dichte des alten Anschlußnetzes noch erkennbar, z.B. an Grundstücksgrenzen oder Zufahrten.

- Innerhalb des Gebietes sind sowohl die Freiräume als auch die gebauten Objekte allesamt sozusagen Sonderfälle. Ebenso die Innenräume. Entstanden ist das aus den großen Parzellen industriellen Ursprungs, auf denen die Unternehmer, wie es ihren jeweiligen Produktionsbedürfnissen entsprach, ohne Rücksicht auf „Kontext“, also übergeordnete Ordnung und/oder Regelmäßigkeit, ihre Gebäudegruppen realisiert haben. Das Gebiet besteht gewissermaßen aus einer überschaubaren Anzahl von „Parzellenstädten“.

- Innerhalb der Parzellen herrscht manchmal ein ensemblehafter Charakter, besonders da, wo die aus unterschiedlichen Zeiten und Produktionsphasen stammenden, von der architektonisch anspruchsvollen Werkshalle bis zum improvisierten Fahrzeugunterstand oder der Außentoilette reichenden Bauten mit einer einheitlichen Farbe (meistens weiß) getüncht wurden. Das gibt ihnen die Anmutung von landwirtschaftlichen Gütern, die durch Hofbildung, große, überdachte Durchfahrten und Tore, große, geschlossene Wandflächen, einfache Fenster, verspringende Baufluchten und ein bewegtes Höhenprofil noch verstärkt wird. Die einheitliche Tünche reduziert die extrem heterogenen Ensembles auf die Formunterschiede und schafft so eine hohe Plastizität und abwechslungsreiche Perspektivwechsel. Diese „Gutshöfe“ sind extrem fotogen (siehe Fotoserie „Gutshöfe“).
Ihr Charakter von ländlichen Höfen wird noch verstärkt durch die teilweise abgeschiedene Lage irgendwo in den enormen Raumtiefen zwischen den wenigen öffentlichen Straßen. Stichworte: Abgeschiedenheit/ Incognito/unauffindbar.

- In dieser Abgeschiedenheit haben sich auch die Bauwagenbewohner auf einer alten Bahntrasse niedergelassen. Hier taucht man, in der schleusenartigen Situation, die die Bahntrasse hier zwischen zwei Werksmauern schafft, extrem überraschend in eine weitgehend autarke Welt ein (die Bewohner sind unabhängig vom städtischen Versorgungsnetz). Sie leben hier seit 6 Jahren und nennen ihre Enklave Osterinsel (weil sie an einem Ostersonntag hierher gezogen sind). Sie sind die einzigen Nutzer, die das Potential nicht der zur Verfügung stehenden Bauten, die aus der wechselvollen Industriegeschichte geblieben sind, nutzen, sondern dasjenige der übriggebliebenen technischen Infrastruktur Bahn mit ihren bandartig das Gebiet durchziehenden schmalen Räumen.

- Es herrscht eine annähernd paritätische Verteilung von Freiraum und bebauter Fläche, die sich dadurch gegenseitig abbilden. Dieses ambivalente Verhältnis von Figur und Grund, innen und außen wird besonders deutlich erfahrbar in den großen Hallen, deren riesige Raumvolumen man auch als aus einem unendlich großen Draußen herausgeschnittene Volumen empfindet. Außen vor ihren großen, häufig fensterlosen Wänden stehend, befindet man sich sozusagen im Negativraum dieser Ausschnitte. Vollends schillernd wird es, wenn einige dieser Hallen offene Dächer haben, wie es mehrfach anzutreffen ist (z.B. in der Lichtstraße 26-28 vor dem Büro von Meiré und Meiré oder in der Widdersdorferstraße 217, wo eine abgedeckte, stählerne Dachkonstruktion zwischen Ziegelwänden über dem Parkplatz der Firma Mediatec schwebt).

- Die Raumerlebnisse in Innenräumen sind häufig stärker als im Außenbereich.

- Da das Gebiet aus lauter Sonderfällen besteht, kann es auch kein Standardprogramm geben, sondern jeder Sonderfall muß neu interpretiert werden. Das erfordert Kreativität. Darin könnte man den link und sogar eine Kausalität zwischen der überlieferten Baustruktur und ihrer Anziehungskraft auf Architekten, Designer, Künstler sehen.

- Das architektonische Grundmodul des Gebiets ist die Halle aus einfachen, ungedämmten Ziegelsteinwänden mit einer Dachkonstruktion aus Stahlträgern, je nach Alter genietet oder geschweißt. Dieses Modul begegnet einem in allen Größen und Formaten, leerstehend und vor sich hin rostend ebenso wie aufwendig saniert und ausgebaut, meistens mit Oberlicht, manchmal auch ganz ohne Deckung, als Abrissobjekt oder als Reminiszenz an die industrielle Vergangenheit des Grundstücks.

- Es gibt hier keinen Städtebau. Es gab mal so etwas wie eine Textur, die bestand aber nur in Form der Bahnanschlüsse, war also als Form vorhanden, aber nur technisch benutzbar. Deshalb liegt so ein großes Potential in der Wiederfindung und dem Umbau der alten Bahntrassen zu Fuß- und Radwegen. Sie würden eine Textur (wieder) herstellen, aber dabei einer ganz anderen als der gewohnten Logik folgen. Darin steckt ein enormes Potential der Andersartigkeit. Es würde eine Möglichkeit darstellen, die bestehende, spannende Struktur der vielen „Städte in der Stadt“ (die großen Parzellen) bestehen zu lassen und sie doch gleichzeitig zu erschließen und zu vernetzen.

- eine weitere, der bestehenden Struktur angemessene Art der Vernetzung wäre das Arbeiten mit „Schlupflöchern“, wie sie teilweise auch schon, als Mauerdurchbrüche, breite Löcher in Zäunen, kleine Plattenwege zum Nachbarn etc. existieren (Fotosammlung).

- Der Bau zusätzlicher Erschließungsstraßen würde die Eigenart des Gebiets zerstören.

- Ein häufiges, bildnerisches (oder fotografisches) Motiv sind „flache Tiefen“ (Fotosammlung). Damit meine ich (stadt)landschaftliche Blicke, bei denen das Auge „gegen eine Wand stößt“. Indem die nackte, zweidimensionale Wand oder ein anderes, den Blick verstellendes Objekt den in der Landschaftsfotografie heiligen Platz der Raumtiefe einnimmt, wird sie oder es zur Projektionsfläche, zum Horizont, zur Skyline. Der Anblick „Flacher Tiefen“ fällt oft zusammen mit demjenigen der oben beschriebenen Außenwände großer Hallen. Die beim Anblick flacher Tiefen stattfindende Umkehrung von Nähe und Ferne hat wohl auch etwas zu tun mit der Ambivalenz von Innen und Außen.

- Wenn man in die Parzellenstädte, deren Anzahl ja wie gesagt überschaubar ist, hineingeht, tut sich eine kaum zu überblickende Anzahl von Welten auf, und zwar nicht nur räumlich, sondern auch in der Vielfalt der Nutzungen: Firmen (Medien, Design, Architektur, Handwerk, produzierendes Gewerbe/Industrie), Religionsgemeinschaften, Ateliers, Wohnen.

- Die so entstandenen Gebilde könnte man, stoffkundlich, am ehesten als Konglomerate beschreiben. Ihre Bestandteile „kleben“ mehr oder weniger fest aneinander, sie sind jedoch nicht durchmischt.

- Viele große Gebäudekomplexe stehen teilweise mit den Rückseiten zueinander. Dadurch bilden sie riesige überbaute Flächen, die nie jemand ermißt bzw. erfährt. Auch hier könnten „Schlupflöcher“ zu einem phantastischen Raum- bzw. Stadterlebnis führen (z.B. der Block zwischen Lichtstraße, Vogelsangerstraße und Oskar-Jäger-Straße).

- Die bauliche Konfiguration auf den meisten Grundstücken befindet sich in permanentem Umbau. Gleichzeitig sind die Grundstücksgrenzen erstaunlich stabil: Nur gelegentlich werden zwei oder mehrere Grundstücke zusammen gelegt, noch seltener werden Grundstücke geteilt. Die Grundstücke sind die eigentliche, historische Konstante des Gebiets.

- Die einzige Verbindung zwischen den Parzellen sind häufig die Notausgänge der bis nahe an die Grundstücksgrenze gesetzten Aufbauten. Gelegentlich sind ihnen noch kleine Podeste, und/oder Treppen vorangestellt, um einen eventuell vorhandenen Niveauunterschied zwischen den Grundstücken auszugleichen. Das schafft dann ähnlich intime Situationen wie die Laderampen (siehe unten).

- Viele Bauten befinden sich permanent im Umbau und in der Nachrüstung.

- Im Außenbereich stößt man zahlreich auf technische Objekte. Häufig sind das ausgelagerte Heizungen, Lüftungsanlagen, und Ähnliches. Es sind zumeist gebastelte, individuelle Lösungen (Sonderfälle auch hier). Sie sehen häufig wie Versuchsaufbauten aus: Ein bißchen rätselhaft und skulptural. Häufig unter Einbeziehung von Tanks (Fotoserie).

- Eine der häufigsten Bauteiltypologien sind Laderampen (meistens nicht mehr in Gebrauch). Der Titel einer fiktiven, philosophischen Gebietsbetrachtung könnte lauten: „Von der Laderampe aus - Die Laderampe als Ort und als Standpunkt (von dem aus ich schaue).“ Zitat daraus: „Die Laderampe ist die Veranda des Gewerbegebiets.“
Vorschlag für einen Stegreifentwurf: „Meine Laderampe“.

- Im ganzen Gebiet verteilt trifft man auch immer wieder auf improvisierte Kaffee- und Grillecken. Ateliergemeinschaften, Proberaummieter, die Mitarbeiter einer Schreinerei, eines Designbüros, eines Autoteilehändlers oder die Schüler einer Berufsschule haben irgendwo auf der Außenfläche vor, neben oder hinter ihrem Gebäude ein paar Bänke im Rechteck aufgestellt, zusammengeschweißt, geschraubt, genagelt oder sonstwie zusammengetragen. Ein 5-Euro-Grill, eine sorgsam ausgehobene Feuerstelle oder ein roher Betonklotz dienen als Tisch.

- Das Gebiet zeigt sich immer wieder auch als Stadt aus Volumen, Formaten und farbigen Flächen. Damit erfüllt es wesentliche Teilaspekte einer Kulissenstadt (Fotoserie). Siehe hierzu auch „Flache Tiefen“ und Innen/Außen.

- Die industrielle Vergangenheit des Gebietes ist wichtig, immerhin handelte es sich hier einst um eines der großen zusammenhängenden Industrieareale des Rheinlands. Im Laufe der Zeit zogen viele schwere und emissionsreiche Industrien fort oder stellten den Betrieb ein, besonders solche der Metallverarbeitung und der Chemie. Geblieben ist ein Schwerpunkt auf Herstellung, Verkauf und Vermietung von Investitionsgütern. Deshalb ist das Gebiet seit jeher besonders den Kölnern vertraut oder zumindest ausschnittweise bekannt, die in irgendeiner Form selbständig sind oder „ihr eigenes Ding machen“ (z.B. Helo- Gebläseheizungen für große Säle, „Haus der 1000 Maschinen“, u.a.).
Das ist eine ganz wichtige Grundlage des Gebiets, die unbedingt bewahrt werden sollte, da sie wichtige Synergieeffekte bringt und außerdem jene Bodenhaftung garantiert, die gerade den sogenannten kreativen Berufen unentbehrliche Inspirationsquelle und Korrektiv zugleich ist.

- Je weiter man sich dem Gürtel nähert, desto weniger ist diese Grundierung spürbar, da hier die Wohn- und Einzelhandelsstadt (Konsumgüter) teilweise in die Strukturen der (ehemaligen) Industriestadt vor- bzw. eingedrungen ist. Das ergibt eine interessante Mischlage. In den erst relativ spät entwickelten Industriebereichen jenseits des Maarwegs, also am anderen Ende des Gebiets, fehlt die früh- und schwerindustrielle Prägung weitgehend. Die Überformung der industriellen Struktur fand hier weniger durch die Konsum- und Wohnstadt als vielmehr durch Büros statt.

- Das Gebiet ist immer noch in erster Linie eine Stätte der Produktion, besonders, wenn ich die sogenannten kreativen Berufe zu den produzierenden hinzu zähle. Reine Dienstleistung, also Beratung, Verwaltung, Reparatur etc. folgen erst an zweiter Stelle. Wohnen ist schwach vertreten. Es ist ein Ort des Machens.

- Das schwach vertretene Wohnen ist entweder „auf verlorenem Posten“ (die wenigen Wohnstraßen und Häuserzeilen sowie einzelne Direktorenvillen und freistehende Mehrfamilienhäuser auf Betriebsgeländen) oder in Sonderformen (Lofts, Bauwagenplatz) anzutreffen. Obwohl nur lose gestreut, finden sich diese Sonderformen über das gesamte Gebiet verteilt in den unterschiedlichsten Situationen und kommen so auf eine erstaunlich große Zahl und Variantenreichtum. Man könnte fast von einem Labor sprechen, in dem die verschiedenen Möglichkeiten anderen Wohnens in der Stadt durchgespielt und entwickelt werden (das wäre ein schönes Buchprojekt).

- Punk, Independent, Alternative, Graffiti etc. sind ein Grundton, der das Gebiet durchzieht (Sonic Ballroom, Undergound, Live Music Hall, Bauwagenplatz, Hall of Fame…): Ist hier das letzte (Kölner) Refugium der (alten) Subkulturen? Haben sie sich in die Unsichtbarkeit des Industriegebiets (Annette: Niemandsland) zurückgezogen? Wenn man es als Rückzug interpretieren würde, müßte man ihnen in dieser Lage dennoch eine Rolle als urbane Pioniere zuerkennen.
Oder haben sie sich diese Umgebung, bewußt oder unbewußt, gesucht, weil sie seine industrielle, rauhe Romantik schätzen? (Dann wäre das Schlüßellied dazu das irische „Dirty old town“ in der versoffenen Interpretation von den Pogues: „I found my love by the gasworks´ ball, dreamed her dream by the old canal, I kissed my girl at the factory wall…“)

- Vorschläge für detailliertere Untersuchungen: Welche Synergien gibt es zwischen
- den Kreativen und den Industriellen/Handwerkern
- den Kreativen untereinander?
- den Industriellen und Handwerkern untereinander (früher/heute/Reste)?

- In manchen Parzellenstädten wird in Teilbereichen intensiv gewirtschaftet auf einem insgesamt locker und extensiv genutzten Grundstück. Das schafft Entspannung. Die Logik von Produktivität wird permanent hinterfragt.

- Standortbeschreibung von Götz Voppel von 1993 lesen! (Standortanalyse im Gewerbegebiet Köln-Braunsfeld/Ehrenfeld : Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialgeographischen Instituts der Universität zu Köln / Götz Voppel. Im Auftrag der Stadt Köln, 1993

- Wie sähe eine Standortbeschreibung durch die Stadt Köln heute aus? Oder gibt es eine aktuelle? Vielleicht vom Amt für Wirtschaftsförderung?

- Im Gebiet sind zwei Logiken gegenwärtig: Die des Aufteilens in große, leicht ablesbare Stücke mit klaren Grenzen, Grundbucheinträgen etc. einerseits und die des Aufteilens in zahllose kleine Nutzungseinheiten mit teilweise informellen, beweglichen und auf Absprachen beruhenden Grenzen andererseits. Die Aufteilung in große, klare Stücke stammt im wesentlichen aus der frühindustriellen Zeit, während sich Letzteres aus dem Prozeß der immer wiederkehrenden Umnutzung ergibt. Dieser Prozess dauert hier schon besonders lange, da der ursprüngliche, frühindustrielle Standortvorteil des Gebiets, die zahlreichen und unkomplizierten Bahnanschlüsse, bereits in den Jahren 1910 bis 1923 weitgehend wegfiel, als die Bahn hier aus der ursprünglich ebenerdigen Lage auf Bögen und Dämme hochgelegt wurde. Damals stellten viele der ursprünglich hier angesiedelten großen Fabriken den Betrieb ein oder zogen weg. In einem nun bereits fast 100 Jahre dauernden Prozeß der Umnutzung von, Anpassung an und sich einrichtens in den vorhandenen Strukturen hat sich in dem Gebiet eine Dynamik entfaltet, die einmalig und prägend ist und mittlerweile wohl sein eigentliches Erbe darstellt.

- Wenn Investoren wie Bauwens-Adenauer im Verbund mit der Kölner Stadtplanung solche Nutzungskonglomerate jetzt, in Form von Großprojekten, einer „ordentlichen Bebauung“ zuführen (wie es z.B. auf dem Gelände des ehemaligen Bel Air am Ehrenfeldgürtel geschehen ist), befinden sie sich damit zwar in gewissem Sinne in der Logik der frühesten Entwicklung des Stadtteils, übergehen jedoch die aus Sicht der Stadtentwicklung viel interessanteren und nachhaltiger wirksamen letzten 100 Jahre!

- Fragen an den Workshop: Haben die Stadt Köln und Bauwens-Adenauer ein echtes Interesse an der beschriebenen Dynamik und ihrer Fortschreibung oder suchen sie nur nach einer neuen Rhetorik für ihre üblichen Geschäfte? Falls letzteres der Fall sein sollte: Gilt es hier, das schlimmste zu verhindern oder machen wir nicht vielleicht erst recht den Bock zum Gärtner? Bauwens-Adenauer gibt sich gerne als Freund qualitätvoller Architektur. Sieht man sich seine Projekte an, wird deutlich, daß er jegliche im Ansatz vorhandene und gelegentlich durchaus erkennbare Qualität einer äußersten, ja extremen Maximierung der Grundstücksausnutzung und damit dem finanziellen Gewinn opfert. Warum sollte er mit den oben beschriebenen Qualitäten anders verfahren?

- Andererseits könnte Open Source die vorhandene Dynamik für viele überhaupt erst lesbar und schätzbar machen. Es ist vielleicht eine Frage der Langfristigkeit von Renditen: Für kurzfristige Erträge ist die vorhandene Entwicklung durch „Gefrickel“ und extreme Nutzungsmischung womöglich uninteressant. Langfristig gerechnet müssen Investoreninteressen und offene Prozesse kein Widerspruch sein, da sich immer wieder zeigt, daß Gebiete, die sich eher durch einen offenen Prozeß permanent fortentwickeln als durch „Planen-Bauen-Fertig“ überformt werden, attraktiver „durch die Zeiten kommen“. Da stellt sich natürlich auch die Frage nach der Art des Kapitals, also ob es sich schnell verzinsen muß oder die Rendite nachhaltiger angelegt ist. Im Westen des Gebietes hat die Firma Lammerting Immobilien über Jahrzehnte beinahe ein Grundstücksmonopol aufgebaut. Ihr fast schon aggressives Desinteresse an jeglicher Form von Nutzungsmischung hat Teile dieses Stadtgebiets bereits in atmosphärisch tote Areale verwandelt. Open Source beinhaltet auch die Chance eines Gegenmodells dazu.

Titel- und Ankündigungsvorschlag für die Tour:
Im Westen nur Sonderfälle
Jenseits des Gürtels, zwischen Aachenerstraße und Venloerstraße, erstreckt sich eine Stadt aus Sonderfällen des Grundstückszuschnitts, der Gebäudekonfiguration, der Erschließungsvarianten und Maßstäbe. Auf großen Parzellen haben Unternehmer gebaut, wie es ihre jeweiligen Produktionsbedürfnisse erforderten, städtischen Kontext gab es keinen - das einzige verbindende Element war die Bahn. So entstand in über 150 Jahren ein riesiges Areal von städtischer Dichte, voller Überraschungen, monumentaler Momente und Rätsel, aber ohne ein erkennbares städtisches Muster. Hier gibt es keinen Normalfall und keine Abweichung (auch der Bruch kann keine rechte Wirkung entfalten), nur ausgeprägte Situationen. Wie lebt und arbeitet es sich in so einer Umgebung? Wer interpretiert welche Situation wie? Gibt es ein Gefüge ohne Muster? Ist jede Parzelle eine Stadt? Diesen und anderen Fragen geht die Führung nach.